Wranitzky Library

Introduction

In december 1906, marking the 150th anniversary of Paul Wranitzky's birth, the Allgemeine Deutsche Musik-Zeitung featured the following 'cover story' on Paul Wranitzky.

 

Transcript

Ein Vergessener.
(Zum 150. Geburtstage Paul Wranitzkys)
Von Max Puttmann.

Einer der ersten Komponisten, die mit Erfolg versuchten, die Alleinherrschaft der italienischen Oper in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu brechen, war bekanntlich Adam Hiller, der Komponist der »verwandelten Weiber«, mit deren erfolgreicher Aufführung die Blütezeit des deutschen Singspiels begann. Auf dem Gebiete des Singspiels ernteten dann in der Folgezeit neben Hiller auch Christian Gottlieb Neefe, Johann André, Georg Benda, Ernst Wilhelm Wolf u. a. einen auch heute noch nicht ganz erloschenen Ruhm. Die neue Bewegung, die, von Leipzig ausgehend, sich in Norddeutschland so siegreich Bahn brach, blieb auch nicht lange ohne Einwirkung auf die musikalische Kunst Süddeutschlands, als dessen Mittelpunkt Wien galt. Bei dem leichtlebigen Wiener fand das deutsche Singspiel um so eher Anklang, je mehr man in ihm der frohen Laune die Zügel schiessen ließ, was dann sehr bald zum Saloppen und Trivialen oder zum Läppischen führte: Kasperle, Larifari und Staberl trieben in fast allen Stücken ihr Unwesen. Aber es mögen immerhin vom rein ästhetischen Standpunkte aus die musikalisch-dramatischen Werke der Norddeutschen den in den sechziger und siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts und zum Teil auch noch in späterer Zeit in Wien entstandenen vorzuziehen sein, der diesen innewohnende Zauber der Sinnlichkeit, das warm pulsierende Leben in ihnen, ließen sie auch in Norddeutschland heimisch werden und jene hier fast völlig verdrängen. Die meisten der süddeutschen Tonsetzer, die in den letzten Dezennien des 18. und in den ersten des 19. Jahrhunderts die in Rede stehende Kunstform pflegten, sind heute kaum noch dem Namen nach bekannt, und es bedarf immer eines besonderen Anlasses, wenn wir uns etwas eingehender mit dem einen oder dem anderen dieser wackeren Streiter für das Deutschtum auf musikalisch-dramatischem Gebiete befassen sollen. Einen solchen Anlaß bot mir eine Arbeit über die deutsche komische Oper von Dittersdorf bis zur Jetztzeit, die voraussichtlich in Kürze an dieser Stelle erscheinen wird, und unter den vielen Komponisten, die mir hier entgegentraten, sei heute, gelegentlich seines 150. Geburtstages, des Komponisten des »Oberon« Paul Wranitzky, den selbst Goethe und Beethoven ihrer Beachtung für würdig hielten, in Ehren gedacht.

Paul Wranitzky wurde am 30. Dezember 1756 zu Neureisch in Mähren geboren. Obwohl sich schon frühzeitig eine große Neigung und Begabung für die Tonkunst bei ihm zeigte, wurde er dennoch von seinen Eltern zum Priesterberuf bestimmt, und wir finden ihn daher, nachdem er das Prämonstratenserstift seiner Vaterstadt besucht hatte, im Schülerverzeichnis des Gymnasiums in Iglau vom Jahre 1770 als Schüler der »Poetik« (5. Klasse) und ein Jahr später als Schüler der »Rhetorik« (6. Klasse) aufgeführt. In Iglau, sowie auch in Olmütz, wohin er sich zunächst nach Absolvierung des Gymnasiums wandte, erhielt der junge Wranitzky auch geregelten Unterricht im Gesang, sowie im Klavier- und Violinspiel und hatte es, als er im Jahre 1776 das theologische Seminar in Wien bezog, bereits zu einem ganz respektabeln Können auf der Violine gebracht.

Die Freundschaft, die Wranitzky bald nach seiner Ankunft in Wien mit dem Hofkapellmeister Josef Kraus schloß, wurde entscheidend für seinen Lebens-beruf. Der mit Wranitzky fast im gleichen Alter stehende Josef Kraus hatte seine Ausbildung durch den Abt Vogler in Mainz erhalten und war ein in jeder Beziehung tüchtiger Musiker, der nach kurzem Aufenthalt in Wien an die Oper in Stockholm berufen wurde, woselbst er bis zu seinem Tode im Jahre 1772 wirkte. Er schrieb Opern, Kantaten, Sinfonien und Kammermusik. Kraus erkannte das bedeutende musikalische Talent Wranitzkys und überredete diesen, sich ganz der Tonkunst zu widmen, indem er sich zugleich bereit erklärte, ihm ein Führer und Lehrer in der Theorie und in der Komposition zu sein. Wranitzky traute aber seinem Talente nicht recht und verblieb vorläufig noch auf dem Seminar, hier keine Gelegenheit vorübergehen lassend, um sich auch als Dirigent einige Routine zu verschaffen, Als aber seine ersten Kompositionen den ungeteilten Beifall der maßgebenden Kreise gefunden hatten, und man ihm sogar die Leitung von Konzerten überließ, da gab er endlich sein theologisches Studium auf und wurde Musiker.

Um das Jahr 1780 wurde Wranitzky Violinist der Eslerhazyschen Kapelle, und dort, unter der Führung des guten Haydn, fand er vollauf Gelegenheit, das, was ihm an satztechnischem Können vielleicht noch mangelte, sich anzueignen. Im Jahre 1785 wurde Wranitzky als Orchesterdirigent der k. k. Hoftheater nach Wien berufen, und mit seiner Tätigkeit als Hofkapellmeister beginnt auch eigentlich erst sein so überaus fruchtbares Schaffen als Tonsetzer.

Bei der großen Anzahl der von Wranitzky geschaffenen Werke und bei der Sorglosigkeit, mit der er diese zu registrieren pfegte, ist es fast unmöglich, einen erschöpfenden Ueberblick über das Schaffen dieses Komponisten zu gewinnen. So existieren doch allein schon drei Sonaten für Klavier, Violine und Violoncello, drei Quartette, Sextette und Quintette und endlich ein Konzert, die alle, zu den verschiedensten Zeiten gedruckt und auch vermutlich entstanden, sämtlich die Opuszahl 1 tragen.

Unter den Opern bezw. Singspielen, deren uns Wranitzky mehr als ein Dutzend hinterlassen hat, steht sowohl bezüglich seines Alters als auch hinsichtlich seines musikalischen Gehaltes das romantische Singspiel »Oberon, König der Elfen« an erster Stelle. Das Werk erzielte bei seiner Uraufführung gelegentlich der Krönungsfeierlichkeiten in Frankfurt a. M. im Oktober des Jahres 1790 einen durchschlagenden Erfolg, so daß es innerhalb sechs Wochen 24 Mal bei stets gleichem Beifall aufgeführt werden konnte. Friedrich Ludwig Schröder, Theaterdirektor und Freund Goethes, bezeichnet dieses Singspiel in seinem Tagebuch im Gegensatz zu Mozarts »Cosi fan tutte«, welches Werk er ein elendes Ding nennt, das alle Weiber herabsetzt und Zuschauerinnen unmöglich gefallen kann, als eine fassliche und gefällige Oper, deren Musik die erbärmlichen Worte von Friederike Weylers nach Wieland leicht vergessen macht. Schröder brachte denn auch den »Oberon« in Hamburg zur Aufführung und erzielte mit ihm in 35 Vorstellungen 22000 Mark »Ein größerer und dauernderer Beifall als diesem Oberon ward, ist«, so heißt es in Schützes Hamburger Theatergeschichte >so lange die Hamburger Opern lieben, sehen, loben und bewundern, keiner geworden. Unveränderter, ja unersättlicher ist das Publikum keiner Prachtoper zugeeilt, als diesem Elfenkönig«. Und der Erfolg blieb dem »Oberon« länger als drei Dezennien treu und begleitete ihn über viele deutsche Bühnen, so u. a. nach Berlin, Wien, Königsberg, und sogar über Deutschlands Grenzen hinaus nach Warschau, bis Webers gleichnamige Oper ihn rasch in Vergessenheit brachte. Das Wranitzkysche Meisterwerk mußte sich aber schließlich noch eine schreckliche Verballhornisierung gefallen lassen, indem das Königstädter Theater zu Berlin welchem die Aufführung des Weberschen »Oberon« nicht gestattet war, demselben durch eine Umarbeitung eine wieder erhöhte Zugkraft zu verleihen gedachte. Da wurde dem Werke nicht nur eine Ouverture von Fränzel »in sehr modernem Effektstil« vorgesetzt, sondern auch die einzelnen Nummern der Partitur zum größten Teil durch Kompositionen von Mozart Alla Turka aus der Klaviersonate, Geisterchor, Rondo aus der F dur-Sonate zu vier Händen usw. _, Mercadante, Spohr, Blum und Präger ersetzte. Daß ein derartiges Quodlibet ohne Wirkung auf das Publikum blieb, ist selbstverständlich.

Der große Erfolg, den der »Oberon« fand ermutigte Wranitzky zu weiterem Schaffen auf musikalisch-dramatischem Gebiete, und es entstand zunächst »Der dreifache Liebhaber«. Das Werk, zu dem der Schauspieler Lippert den Text verfaßt hatte, errang noch am Ende des Jahres 1790 in Wien einigen Erfolg, wurde aber dann am 3. Februar 1791 im Nationaltheater zu Berlin völlig niedergezischt. Größeren Erfolg hatten die folgenden Singspiele: »Die Poststation« und »Merkur, der Heiratstifter« (1793), »Das marokkanische Reich« (1794), »Die gute Mutter«, (Text von Alminger, in der Zeit vom 11. Mai 1795 bis zum 14. Februar 1796 am Kärnthnertortheater 7 Mal aufgeführt), »Das Lazzaronifest« (1795), »Der Schreiner« von Kotzebue, welches einaktige Werkchen in der Zeit vom 18. Juli 1799 bis zum 1. November 1801 am Kärnthnertortheater 23 Mal gegeben wurde, und endlich noch »Das Mitgefühl« (1804).

Die Erfolge, die Wranitzky als Opern- bezw. Singspielkomponist errang, erweckten endlich auch sogar die Aufmerksamkeit des Dichterfürsten Goethe. Es ist bekannt, daß Goethe, angezogen von dem Schikanederschen Text zur »Zauberflöte« mit seiner Symbolik und teilweisen Verwendung des freimaurerischen Zeremoniells, daranging, einen zweiten Teil der »Zauberflöte« zu schreiben, und daß Goethe sein Werk gerade Wranitzky zur Vertonung anvertrauen wollte, spricht jedenfalls für den Ruf, den letzterer in der damaligen Zeit genoß. Goethe schrieb in der »Zauberflöten«-Angelegenheit zweimal an Wranitzky. Der zweite Brief, datiert den 6. April 1796, ist leider nicht mehr vorhanden, und auch der erste, vom 24. Januar 1796, ist uns nur unvollständig überliefert worden (siehe unter No. 3263 der Briefe Goethes in der Weimarischen Goethe-Ausgabe).

In diesem Schreiben heißt es u. a.: »Aus beiliegendem Aufsatz werden Sie sehen, was von dem Texte der Oper, wonach Sie sich erkundigen, erwartet werden kann. ... Es sollte mir sehr angenehm sein, dadurch mit einem so geschickten Manne in Konnexion zu kommen. Ich habe gesucht, für den Komponisten das weiteste Feld zu eröffnen und von der höchsten Empfindung bis zum leichtesten Scherz mich durch alle Dichtungen durchzuwinden. ... Der große Beifall, den die Zauberflöte erhielt, und die Schwierigkeit, ein Stück zu schreiben, das mit ihr wetteifern könnte, hat mich auf den Gedanken gebracht, aus ihr selbst die Motive zu einer neuen Arbeit zu nehmen, um sowohl dem Publico auf dem Wege seiner Liebhaberei zu begegnen, als auch den Schauspielern und Theaterdirektionen die Aufführung eines neuen und komplizierten Stückes zu erleichtern.... Meine Bedingungen sind; Einhundert Dukaten und eine vollständige Partitur für das hiesige Theater. ... Sollten sich bei der Komposition und Aufführung in einem oder dem anderen Punkte Schwierigkeiten finden, so erbiete ich mich auf geschehene Anzeige die Stellen ... «

Hier bricht leider das noch erhaltene Stück des Briefes ab, Wranitzky antwortete unterm 6. Februar 1796, daß ihm ein Operntext von Goethe sehr erwünscht wäre, aber die Hoftheaterdirektion einige Bedenken trüge, eine Fortsetzung der »Zauberflöte« zur Aufführung zu bringen, auch könne sie nicht mehr als 25 Dukaten für das Libretto bewilligen, da Kotzebue und Iffland für ihre großen Schauspiele ebenfalls nicht mehr bekämen. Goethe gab daraufhin sein Vorhaben auf, und durch die Engherzigkeit der Wiener Intendanz ging somit der Welt ein interessantes, wenn nicht gar bedeutendes Werk verloren. »Der Zauberflöte zweiter Teil« ist Fragment geblieben und befindet sich im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar. »Es fehlt dem seltsamen Gedicht«, sagt Bulthaupt, »nicht an einzelnen komponiblen Einfällen und Situationen, aber die Szenen sind durchweg zu breit angelegt, und für das Publikum, dem Goethe doch einen Gefallen zu erzeigen hoffte, ist durch Kontraste nicht genügend gesorgt.«

Den Singspielen Wranitzkys schließen sich eine große Anzahl von Ballets und Divertissements an: »Zephir und Flora« (1795), »Walmir und Gertraud«, »Zemire und Azor« und »Waise der Hölle oder Der Zauber der beiden Bildnisse« (1800), »Das Urteil des Paris« (1801), »Die Erkenntlichkeit« (1805) usw. Außerdem schrieb Wranitzky die Musik zu den Schauspielen »Johanna von Montfaucon«, »Rudolf von Felseck« und »Rollas Tod«.

Wranitzky war als Konzertkomponist nicht weniger fruchtbar, denn als Bühnenkomponist. Er schrieb etwa 30 Sinfonien, unter denen die »Symphonie à l'occassion du couronnement de l'Empereur (1790) die bedeutendste sein dürfte, wohl nahe an 100 Kammermusikwerke, Konzerte für Flöte, für Violine, für Violoncello etc. Sein Schaffen mag nicht wenig durch den Umstand begünstigt worden sein, daß er sich der ganz besonderen Gunst der Kaiserin erfreute und sehr häufig mit der Komposition von Werken für die bei Hofe stattfindenden musikalischen Aufführungen beauftragt wurde. Aber auch in allen übrigen Kreisen waren seine Werke sehr beliebt, wie man ebenso das Direktionstalent ihres Schöpfers zu würdigen wußte. Daß Wranitzky ein wirklich ausgezeichneter Dirigent war, geht aus folgendem hervor, ebenso aber auch, daß er bei den Ausführenden nicht sehr beliebt war. In der »Allgemeinen Musikalischen Zeitung« vom Jahre 1800 heißt es in einem Bericht aus Wien: »Endlich bekam doch auch Herr Beethoven das Theater einmal und dies war wirklich die interessanteste Akademie seit langer Zeit. Es zeichnete sich dabei das Orchester sehr zu seinem Nachteile aus. Erst Direktorialstreitigkeiten! Beethoven glaubte mit Recht, die Direktion nicht Conti und niemand besser als Herrn Wranitzky anvertrauen zu können. Unter diesem wollten die Herren aber nicht spielen.....«

Ueber das Leben und Wirken Wranitzkys in Wien ist nur wenig bekannt; nur über seine Verdienste um die Tonkünstler-Sozietät, den Witwen- und Waisenversorgungsverein der Tonkünstler in Wien, sind wir durch die aus Anlaß des 100jährigen Bestehens der Sozietät von C. F. Pohl herausgegebenen Denkschrift genauer unterrichtet. »Paul Wranitzky, National-Hoftheater-Orchester-Direktor (Violinist)« trat unterm 15. Februar 1793 der Sozietät bei und machte sich um dieselbe als Sekretär sehr verdient. Es schmerzte Wranitzky, daß man Haydn, Gott weiß aus welchem Grunde, die Aufnahme in die Sozietät verweigert hatte, und er ruhte nicht eher, als bis sein Antrag, Haydn nunmehr sogar als nichtzahlendes Mitglied aufzunehmen, zum Beschluß erhoben worden war. Haydn dankte der Sozietät für die ihm widerfahrene Auszeichnung dadurch, daß er ihr »Die sieben Worte Christi am Kreuze«, »Die Schöpfung« und »Die Jahreszeiten« zur immerwährenden freien Aufführung überließ, aber unter der Bedingung, »daß die erste Violine stets Herr Sekretär Wranitzky anführe. (Sitzungsprotokoll der Sozietät vom 4. November 1799.)

So hatte Wranitzky nahezu 30 Jahre im Dienste der Frau Musika gestanden, als ihn am 28. September 1808 der Tod ereilte. In den angesehensten Zeitungen erschienen Nekrologe, und die Konzertinstitute und Theater Wiens und anderer Städte veranstalteten Trauerfeiern. Recht kühl gehalten ist der Nachruf, den die »Allgemeine Musikalische Zeitung« dem Verblichenen widmete: »Daß Paul Wranitzky, als Konzertmeister bei den Kaiserlichen Hoftheatern angestellt, verstorben ist, haben andere Blätter schon früher gemeldet. Bekanntlich hatte er die Oper »Oberon« und mehrere Sinfonien, Quartette etc. komponiert, welche alle nicht ohne Beifall blieben, aber auch ein ausgezeichnetes Glück nicht machten und nie verdienten. Als Konzertmeister (Vorspieler) konnte er viel Gutes leisten, wenn er eben wollte.«

Wir sind natürlich außer Stande, das hier über die praktische Tätigkeit Wranitzkys gefällte Urteil nachzuprüfen, wohl aber können wir uns auf Grund seiner Werke ein Urteil über sein Kompositionstalent bilden.

Wranitzky war kein Genie, das, seinen Zeitgenossen kühn voranschreitend, den Pfad in ein noch nicht betretenes Neuland weist. Er war vielmehr ein Talent, das, durch zeitgenössische Vorbilder erzogen und dem Pulsschag seiner Zeit lauschend, dieser auch nur ganz allein und zwar in ungemein treffender Weise in seinen Werken Ausdruck zu geben wußte. Dieser Umstand erklärt es auch, das die Kompositionen Wranitzkys mit dem Kommen einer neuen Zeit bald in Vergessenheit gerieten. Man kann W. H. Riehl nur beipflichten, wenn er sagt, daß Wranitzky einen wesentlichen Einfluß auf die Erziehung der Gesellschaft ausgeübt habe, indem er und seine Zeitgenossen den Dilettantismus und die Hausmusik heranbildeten. Wenn aber dann der bekannte Kulturhistoriker über den Bühnenkomponisten Wranitzky abfällig urteilt und seinem Urteil sogar einigen Spott beizumischen scheint, indem er in Bezug auf den »Oberon« sagt, daß diese| breite, behagliche und spaßhafte Musik zur Romantik! der Oper wenig passe, und das Wranitzkysche Werk einen Vergleich mit dem Weberschen nicht aushalten könne, so berücksichtigt er anscheinend zu wenig den Umstand, daß Weber seinen »Oberon« 36 Jahre später schuf, als Wranitzky den seinigen, also in einer Zeit, in der die Werke der meisten romantischen Dichter schon Gemeingut geworden waren und vor allem auch ein Beethoven gelebt und geschaffen hatte.

Vor mir liegt der Klavierauszug zu der zweiaktigen Operette »Das Fest der Lazzaronen«, mit deren Musik sich bekannt zu machen gewiß für jedermann interessant sein würde. Die Ouvertüre verrät, namentlich im Seitensatz, den Einfluß Mozarts. Eine Ariette ist von wohltuender Frische, und das Lied des Lazzarone von schlagender Charakteristik. Und so ließen sich noch viele Stücke voller Anmut und Frische anführen, sowie auch einige gut gelungene Ensemblenummern. Beiläufig sei erwähnt, daß in dem bei Joh. André erschienenen Klavierauszuge die vier Chorstimmen sämtlich im Violinschlüssel notiert sind. Man sollte bei den in rein musikalischer Beziehung oft recht minderwertigen neueren Kompositionen für Hausmusik vielleicht einmal der Frage näher treten, ob es sich nicht verlohnen würde, einige der Kammermusikwerke Wranitzkys von dem Schlage des mir vorliegenden Quartetts op. 49 mit einem breit angelegten ersten Satz, einem schönen Largo und einem allerdings etwas oberflächlichen Schlußsatz, zu neuem Leben zu erwecken; eine geübte Hand müßte eben eine geeignete Auswahl unter den Werken treffen. Riehl sagt: »Er (Wranitzky) schwingt sich in seiner großen Sinfonie für die Krönungsfeier Franz II. zu dem höheren Stile eines wirklich berauschenden Massenjubels empor«, dem aber auch, möchte ich hinzusetzen, weichere Züge in dem Thema des zweiten Satzes und solche, man möchte sagen, echter Wiener Gutherzigkeit im Menuett beigesellt sind. Und welche Frische atmen endlich auch die Themen der Jagd-Sinfonie, op. 25, sowohl die des ersten, als auch die des letzten Satzes mit seinen Hornsoli. Aus alledem geht hervor, daß Wranitzky, mag er auch zu seinen Lebzeiten vielleicht ein wenig überschätzt worden sein, die Unterschätzung, die ihm mit dem Auftreten Webers widerfuhr und ihn alsbald ganz in Vergessenheit geraten ließ, nicht verdiente.

Kurz sei noch erwähnt, daß ein jüngerer Bruder Wranitzkys, Anton Wranitzky, sich ebenfalls als ein tüchtiger Musiker und Komponist bewährt hat. Er wurde 1761 zu Neureisch geboren und starb als Kapellmeister des Fürsten Lobkowitz im Jahr 1820 in Wien. Seine Töchter waren die berühmten Sängerinnen Karoline Seidler-Wranitzky und Anna Katharina Kraus Wranitzky. Paul Wranitzky besaß nur einen Sohn, der schon frühzeitig starb.

Der k. k. General-Intendanz der k. k. Hoftheater in Wien, dem Herrn Bürgerschuldirektor Theodor Wranitzky, einem Großneffen Paul Wranitzkys in Trebitsch, und der Firma Johann André in Offenbach spreche ich auch an dieser Stelle für das mir zu vorstehender Arbeit bereitwilligst zur Verfügung gestellte Material meinen verbindlichsten Dank aus.

Transcribed by D. Bernhardsson

 

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